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Deutschland wäscht sich ab

Zucht und Ordnung

Obsessives Gewäsch

Deutschland wäscht weißer *Frisch und sauber

Bei Bemerkungen Angehöriger anderer Völker über Deutsche kommt IMMER dasselbe, ob von Briten, Amerikanern, Franzosen, Lateinamerikanern, immer wieder präsentieren sie angebliche Vorurteilen, die doch Urteile sind: Ordnung, Disziplin, Effektivität, Sauberkeit. Verbunden damit sind positiv Verlässlichkeit und Seriosität. Alles funktioniert.
Nun kommt es im Leben nicht darauf an, was man glaubt, vor allem über sich glaubt, also die Illusionen seiner Landsleute teilt, sondern was ist. Also nehmen wir die "Vorurteile", in Wirklichkeit Urteile anderer Völker über uns, ernst.
Es ist also was dran, also los:
Die intensive Beschäftigung mit "Sauberkeit" in diesem Lande, beruht auf dem Gegenteil: dem Interesse an "Dreck", genauer ausgedrückt: seiner Abwehr, der Angst davor. Er darf nicht sein. Das Interesse daran wird verlagert - aufs Geld. Die Deutschen sind das Volk mit der größten, der intensivsten Furcht vor "Dreck". Andere mögen vielleicht sogar mehr betroffen sein, Deutschschweizer vielleicht, aber zahlenmäßig und daher im Bewusstsein anderer Völker werden sie weniger wahrgenommen.

Sterile Charaktere - fabrikgerecht, farbecht, effektiv

Die Schlachten von "Persil 59" und dem "Weißen Riesen" fielen auf fruchtbarsten Boden, denn in der Nachkriegszeit hatte die Hausfrau eine Menge zu waschen, hatte sie doch die braune Brut "gezüchtet". Sie saß an der Schaltstelle bei der Kindererziehung. Männerbestimmt zwar, aber dennoch. Sie hat den künftigen, gut funktionierenden Soldaten produziert. Man greife mal zu Klaus Theweleits Männerphantasien.
Andererseits wären ohne gewisse Eingriffe in die psychische Entwicklung von Kindern an bestimmter Stelle einige unserer Kardinaltugenden - von Ausländern immer wieder bespöttelt und gleichzeitig bewundert - weniger vorherrschend, wie:

Ordentlichkeit und Genauigkeit, Perfektionismus (übertrieben: Pedanterie, Starrsin), Disziplin, Pünktlichkeit, Autoritätshörigkeit, Befehl und Gehorsam, Pflichtbewusstsein, eine gewisse "Härte" (übertrieben: Sadismus), das "Soldatische", "Preußische", Fleiß, Verlässlichkeit, logisches Denken, Vernunft, Ratio bis hin zur Grübelsucht (übertrieben: Entschluss- und Entscheidungsunfähigkeit), Steifheit, Affektsperre, das Funktionieren- und Aushaltenkönnen, Durchhaltewille, Sparsamkeit (übertrieben: Geiz (2)) ... und als Kern der ganzen Geschichte die "Sauberkeit" (3). Jeder weiß, dass Leute, die viel und intensiv mit Geld zu tun haben, eine gewisse Sterilität und Asexualität ausstrahlen. Sie sind sehr beherrscht, tragen eine Uniform (Anzug), sind "glatt", Banker, Versicherungsleute ... und viele mehr.
Ist eine Vielzahl, ja die Mehrzahl von Individuen mehr oder weniger davon betroffen, dann "sind die Deutschen eben so".
Diesem Charakter hat der Schweizer Federico Angst unter dem Pseudonym Fritz Zorn mit seiner Autobiographie Mars ein Denkmal gesetzt, ein wahres Kultbuch Ende der Siebziger. Er entstammte  einer Bankiersfamilie von der "Züricher Goldküste" und führte sein Krebsleiden, dem er schließlich erlag, auf seine Erziehung zurück.

Das Ganze klingt für uns heute reichlich nach Karikatur, vor zwei Generationen war das erstrebenswert, die Norm. Hardy Krüger wird sich erinnern. Der steckte beispielsweise auf einer Napola-Schule.
Wieviel davon hängt uns noch nach und wieviel davon wird durch die Art, wie wir arbeiten und leben weiter erzwungen, und - das ist das Interessante - auch bei anderen Völkern, die nie so waren? Wie groß wird in zwei, drei Generation der Unterschied zw. Deutschen, Briten und Franzosen (noch) sein? Denn es ist doch klar, dass viele der erwähnten Eigenschaften von unseren Gesellschaften gefordert, gefördert und auch belohnt werden. 

Angehörige von Völkern, die noch schwer in unsere "alte" Richtung getrimmt werden, sind bass erstaunt, wie freiheitlich, demokratisch und offen sich unsere Gesellschaft heute zeigt, wieviel "Unordnung" und Toleranz hierzulande herrschen können und wie der alltägliche Betrieb auch bei unvorhersehbaren Zwischenfällen aufrechterhalten bleibt.

Hier in Zusammenfassung der Bericht eines russischen Praktikanten bei der Lokalzeitung:
"Vernünftig, pünktlich, ordentlich und ein wenig zurückhaltend – das denken die Menschen in der ganzen Welt über Deutsche. Aber hier erwecken die Leute mit ihrer unglaublich schnellen mündlichen Rede und ihren offen gezeigten Emotionen einen ganz anderen Eindruck. Auch mit der Pünktlichkeit ist es in Freiburg nicht besonders streng. Beispielsweise kam mein Zug aus Berlin an allen Stationen rechtzeitig an – nur als er an Freiburg heranfuhr, blieb er 40 Minuten stehen. Auch zur Morgenbesprechung in der Stadtredaktion, in der ich das Praktikum mache, versammeln sich einige Redakteure nicht immer zur rechten Zeit. Das Benehmen der Menschen hier erinnert mich eher an das Verhalten der Bewohner aus südeuropäischen Ländern. "
Bezüglich seiner Arbeitsstelle im Verlag wundert er sich über die völlige Offenheit und Transparenz. In Russland seien an den Eingängen der Zeitungsredaktionen Drehkreuze montiert, damit nur Mitarbeiter eintreten könnten. Der Zugang sei durch Passierscheine reglementiert.

Bestellen nicht vergessen!

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* Es gibt jemanden, der behauptet, die Schweiz wasche weißer, der Soziologe Jean Ziegler, nämlich. Hier mal sein berühmter Beitrag zur kannibalischen Weltordnung, die beherrscht wird vom Bankenbanditismus.

1.) Erst kürzlich zitierte "Paris - Berlin: Ein ungleiches Paar?", Arte Feb. 12, eine Umfrage zu den Eigenschaften der Deutschen, wie sie in Frankreich empfunden werden, wie folgt:
Strikt u. seriös, diszipliniert, gut organisiert, ordentlich, aufrichtig und als besonderen Wert die Arbeit. Anzumerken ist, dass die Sauberkeit natürlich auch irdendwie immer in der Ordentlichkeit mit inbegriffen ist, auch wenn sie mal nicht eigens genannt wird.

2.) Philip Roth lässt den Helden in seine Skandalbuch "Portnoys Beschwerden" über die Gründe der chronischen Verstopung seines Vaters sagen: Verstopft sei er "weil sein Verdauungssystem sich fest in den Händen der Firma Sorge, Angst und Pech befindet." Sorge, nicht genug Geld zu verdienen, Angst, die Familie, nicht ernähren zu können, Pech, nur eine kleiner Versicherungsvertreter zu sein. Das mag auch sein, aber eher ist der Grund andernorts zu finden - fast alle Verstopfungskranken sind chronisch geizig. Sigmund Freud dazu 1908 in »Charakter und Analerotik«: »Am ausgiebigsten erscheinen die Beziehungen, welche sich zwischen den anscheinend so disparaten Komplexen des Geldinteresses und der Defäkation ergeben . . .«. Man lese dazu mal Berthold Rothschilds Beitrag in der NZZ Verstopfung im Geldsack - Der Geiz sitzt tief, und wen er hat, den lässt er nicht mehr los. 

Wie nah Dreck und Sauberkeit, Abscheu und Interesse beieinanderliegen, wie sehr Analität in der Gesellschaft heute mehr oder weniger unverhüllt angekommen ist und woher sie rührt, verrät sich bei Sexualpraktiken. Bewirbt ein Hersteller von Gleitgel seine Produkte doch in poppigen, fröhlichen Farben, grün, rosa, blau, im Fernsehen. Das ist Massenwerbung! Ein Massenmarkt für ein Erzeugnis, das bei genitalem Verkehr völlig entbehrlich ist.
Passé die Zeiten, die Achtziger, als noch kräftig für Intimsprays geworben wurde.

3.) Vergl. W. Reich, Charakteranalyse, 1933, Wien, nur noch erhältlich in veränderter Fassung über Kiepenheuer & Witsch (1989). Neben Freuds Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie ein fundamentales Werk zum Verständnis unserer Gesellschaft.


Ferner im weiteren Sinne als Hintergrundlektüre zu Gesellschaft, Geschichte und Psyche höchst lesenswert:

  • Norbert Elias, Der Prozess der Zivilisation, Suhrkamp Tb, zwei Bände. Ein Standardwerk. Abgesehen von den späteren Vorworten kein Soziologenchinesisch, sondern wunderbares Deutsch, jedes Kapitel gut einzeln zu lesen. Gehört auf jeden Nachttisch und immer wieder mal in die Hand genommen. Bei jedem Lesen wird man Neues entdecken. Obwohl Elias Mediziner, Psychologe und Soziologe war, wüsste der Verfasser nicht, dass er seine Erkenntnisse denn mal griffig in einem Satz zusammengefasst hätte. Er beschreibt u.a. den allmählichen Übergang des hysterischen zum zwangsneurotischen Charakter.
  • Materialien zu Norbert Elias´ Zivilisationstheorie, Peter Reinhart Gleichmann, Suhrkamp, ISBN 978-3518078334, dort z.B. "Die Verhäuslichung körperlicher Verrichtungen" u.a., leider nur noch gebraucht z.B. bei Amazon

* * Die Schwaben waren übrigens lange Zeit lutherisch gewesen; sie sind´s großenteils heute noch.